Verhalten
Meerschweinchen zeigen ein sehr komplexes und interessantes Sozialverhalten. An der Universität Münster wird sogar das Sozialverhalten von Meerschweinchen erforscht, um von ihnen Rückschlüsse auf andere in Gruppen lebende Tiere, beispielsweise Pferde, ziehen zu können. Einige der Informationen auf diesen Seiten sind von diesen Forschungen mitbestimmt.
Fluchtinstinkte
Meerschweinchen sind typische Beutetiere, die immer auf der Hut vor Raubtieren sein müssen. Das spiegelt sich deshalb deutlich in ihrem Verhalten wider:
Meerschweinchen sehen vor allem Bewegungen in einigen Metern Entfernung sehr gut und suchen beim kleinsten Zweifel sofort Deckung. Daher sind zahlreiche Versteckmöglichkeiten im Gehege sehr wichtig. Aufgrund ihres ausgeprägten Fluchtverhaltens lassen sie sich ungern einfangen und hochnehmen.
Auch dem Verhalten der Tiere innerhalb der Gruppe sind die Fluchtinstinkte anzumerken, denn oft bleibt ein Meerschweinchen aus der Gruppe wach und aufmerksam, während alle anderen schlafen oder fressen. Beim Auslauf und dem Erkunden neuer Gebiete laufen sie im Gänsemarsch hinter dem Bock her, der im Notfall auch seine Weibchen verteidigt. Disziplin zur Vorbeugung von Gefahrensituationen ist sehr wichtig für die Gruppe, kleinere Streitigkeiten werden daher schnell beigelegt.
Meerschweinchen untereinander achten darauf, sich auch bei ernsteren Streitigkeiten nicht zu verletzen bzw. fügen sich meist nur oberflächliche, ungefährliche Wunden zu, die problemlos abheilen. Ein ernsthaft verletztes Tier könnte die ganze Gruppe angreifbar machen. Richtige Beschädigungskämpfe, die darauf abzielen, dem anderen Wunden zuzufügen, kommen eher zwischen erwachsenen Böcken oder bei verhaltensgestörten Tieren vor. Solche ernsthaften Kämpfe sind sehr selten und auch bei normalen Zusammenführungen nicht akzeptabel.
Drohverhalten
Um Beschädigungskämpfe zu vermeiden, haben Meerschweinchen ein ritualisiertes Drohverhalten, das ihrem Gegenüber in mehreren Abstufungen zeigt, wie weit er gehen darf und wann er besser den Rückzug antreten sollte.
- Brommseln ist ein tiefes, lang gezogenes „rrrrrrrrrrrrrrrrr“ in Verbindung mit einem Wiegeschritt, das vor allem Böcke anwenden. Es soll zeigen, dass der brommselnde Bock groß, stark und beeindruckend ist. Als Drohgebärde wird das Brommseln vor allem eingesetzt, um streitende Weibchen zu beruhigen und für Frieden in der Gruppe zu sorgen. Auch Böcke untereinander brommseln, hier vor allem, um das Gegenüber zu beeindrucken.
- Muckernde Töne sollen meistens andere Meerschweinchen dazu auffordern, das muckernde Tier in Ruhe zu lassen. Manche Menschen verstehen das als Wohlfühlen falsch, eigentlich soll es nur heißen „Ich hab Angst, bitte lass mich in Ruhe“
- Zähneklappern ist eine deutliche Drohung von Tieren, die sich in die Enge getrieben fühlen, es erfolgt als unmittelbare und letzte Warnung vor dem Zubeißen.
- Kopfschlagen kann oft beim Streit um Futter und Schlafplätze beobachtet werden und soll ein anderes Meerschweinchen vertreiben. Oft wird es auch von rangniederen Tieren angewendet, die einen höheren Rang anstreben
- Jagen ist ein wichtiges Mittel, um klar zu stellen, wem ein Schlafplatz gehört oder um nervende Artgenossen zu vertreiben. Hierbei wird meistens nur eine kurze Strecke gejagt und das unterlegene Tier dann ziehen gelassen. Dabei zeigt sich, wie notwendig große Gehege sind, um Meerschweinchen als harmonische Gruppe zu halten.
- Bisse in Gesicht und Ohren sind nicht ernst gemeint sondern eher eine harmlose Warnung, wenn Tiere sehr aufmüpfig sind. Vor allem in Vergesellschaftungsphasen oder gegenüber pubertierenden Jungtieren kommt das häufig vor. Sind solche Bisse allerdings über längere Zeiträume an der Tagesordnung, sollte beispielsweise in Foren nach den Ursachen geforscht und Lösungsvorschläge gesucht werden.
- Bisse in Rücken und Hinterteil sind dagegen wirklich ernst zu nehmen. Vor allem wenn ein Tier gejagt, aber nicht von ihm abgelassen wird. Auch in zu kleinen Gehegen oder Sackgassen kommt es zu solchen Bissen. Solche Bisse führen leider häufig zu eitrigen Entzündungen und sollten daher gut beobachtet werden. Werden derartige Verletzungen häufig entdeckt, sollte die Zusammenstellung der Gruppe dringend überdacht werden. Ein gut betreutes Forum kann den Erfahrungsaustausch und die Beratung durch erfahrene Halter bieten
- Bei richtigen Beschädigungskämpfen rollen die Tiere als ineinander verbissene Fellkugel durchs Gehege. Hier darf aufgrund der großen Verletzungsgefahr niemals mit bloßen Händen eingegriffen werden. Solche Kämpfe kommen nur selten vor und haben meist eine Vorgeschichte, beispielsweise den Versuch, unpassende Tiere zu vergesellschaften. Bei einem solchen Verhalten muss gut beobachtet werden, ob die zum Streit geführte Situation danach geklärt ist. Bei wiederholten Kämpfen sollten die Tiere sofort getrennt, auf Verletzungen untersucht und der Kontakt zu Experten aufgenommen werden.
Sexual-, Werbe- und freundliches Verhalten
Sexual- und Werbeverhalten
- Das Wichtigste ist auch hier das Brommseln, mit dem der Bock seinem Weibchen zeigen möchte, wie groß, stattlich und sexy er ist.
- Auch Weibchen zeigen ihre Bereitschaft an, indem sie dem Bock ihre Sexualorgane zeigen und ihn daran riechen lassen. Kurz bevor der Bock aufsteigen darf, besteigen viele Weibchen ihre weiblichen Gruppenmitglieder. Wenn das nur ein für ein paar Stunden alle paar Wochen auftritt, ist es normal
- Ist das Weibchen nicht zum Geschlechtsakt bereit, läuft es davon. Wenn das Fortlaufen nicht ausreicht, um den Bock von seinem Vorhaben abzubringen und er sie weiterhin belästigt, wird sie ihm einen gezielten Strahl Urin ins Gesicht spritzen. Sollte auch das keine Wirkung zeigen, kann sie auch mit dem Hinterfuß nach ihm treten
- Der eigentliche Akt dauert nur wenige Sekunden und ist sehr unspektakulär, aber sehr wichtig, damit beim Weibchen der Eisprung richtig erfolgt. Auch kastrierte Böcke besteigen ihre Weibchen.
Freundliches Verhalten untereinander
- Meerschweinchen betreiben keine ausgiebige soziale Fellpflege, putzen aber gerne Artgenossen an Ohren und Augen oder kümmern sich um schuppige Stellen. Am wohlsten fühlen sich befreundete Meerschweinchen, wenn sie einfach nur mit ein paar Zentimetern Abstand nebeneinander liegen können. Deswegen sollten einige Verstecke und Häuser groß genug sein, damit mehrere Tiere darin Platz finden. Bei drei Meerschweinchen reichen oft 30 x 30 cm aus, sind mehr Tiere vorhanden, empfehlen sich Stand-Etagen, um darunter zu liegen. Gekuschelt wird dabei nicht, aber in der Nähe wollen sie gerne sein.
- Meerschweinchen fressen gerne in Gesellschaft und klauen sich dabei auch das Futter aus dem Mund. Das ist nicht ernst gemeint, sondern eher nett gemeintes Necken, solange nicht ein Tier von der Futterstelle verjagt wird. Es hilft sehr, auf Näpfe zu verzichten und Futter stattdessen in der Einstreu zu verteilen.
Verhalten bei der Aufzucht von Jungtieren
- Jungtiere haben von Anfang an ihren Platz in der Gruppe und sollten daher in der Gruppe aufwachsen. Alle Tanten und sogar der Bock helfen bei der Aufzucht und Erziehung.
- Die Babys geben mit charakteristischen Tönen ihrer Mutter zu erkennen, wo sie sich gerade aufhalten. Das behalten sie über die ersten vier bis sechs Lebensmonate bei und quasseln ununterbrochen, um jeden ihrer Schritte zu verkünden.
- Etwa jede Stunde wird schrill gequietscht. Deutlich erkennbar ist die Verwandtschaft dieses Lautes mit dem Futterquieken gegenüber dem Menschen. Die Mutter führt ihre Jungen dann in eine stille Ecke um sie zu säugen, danach putzt sie ihnen den Po, um sie zu Urin- und Kotabsatz anzuregen.
- Wenn die Jungtiere groß genug sind, werden sie häufiger als zuvor von der Mutter abgewiesen. Die Mutter geht zunehmend eigene Wege. Bleiben Jungtiere auch über den dritten Lebensmonat hinaus in der Gruppe, gibt es keine Unterschiede mehr im Verhalten gegenüber der Mutter oder gegenüber anderen Weibchen. In engen Gehegen können die Jungtiere regelrecht vertrieben werden
- Im Alter von etwa drei Wochen fangen Jungböcke an, sich sexuell zu verhalten, Mutter und Schwestern zu besteigen und zu brommseln. Hier sollte man mit der Unterstützung eines erfahrenen Tierarztes überprüfen, ob die Hoden schon in den Hodensack abgestiegen sind und die Jungböcke spätestens mit einem Gewicht von 250 g von den Weibchen getrennt oder früh kastriert werden.
Auffälliges Verhalten: Warnzeichen und Krankheitsanzeichen
Meerschweinchen, die sehr zusammengekauert da sitzen, angespannt wirken und nicht sofort reagieren, wenn es plötzliche Bewegungen gibt, sollten sofort einem Tierarzt vorgestellt werden.
Auch Zähneknirschen ist ein Anzeichen für extrem starke Schmerzen. Bei knackenden Atemgeräuschen kann eine Lungenentzündung der Auslöser sein.
Kommen Meerschweinchen nicht zum Fressen oder wirken sie apathisch, sollte ebenfalls umgehend ein Tierarzt aufgesucht werden. Sind sie aber bereits schlapp ohne Körperspannung oder völlig regungslos, kann ein Tierarzt meist auch nicht mehr helfen. Dann sollte man ihnen eher die Möglichkeit geben, in Ruhe zwischen ihren Lieben sterben zu dürfen.
Zeigen Weibchen deutliches Bockverhalten auch außerhalb ihrer heißen Tage, ist das ein Hinweis auf Eierstockzysten.
Manchmal geben Meerschweinchen zirpende Geräusche von sich, die an Vogelzwitschern erinnern und dem Stressabbau dienen. Sollte ein solches Zwitschern öfter vorkommen, empfiehlt es sich, mit Hilfe von Experten auf Ursachenforschung zu gehen. Auch hier bietet sich ein gut betreutes Forum an.
Verhalten dem Menschen gegenüber
Das häufigste dem Menschen gegenüber angewandte Verhalten ist das Futterquieken, das eine Abwandlung des Bettelgeschreis gegenüber der säugenden Mutter darstellt. Oft werden auch Drohverhalten wie Zähneklappern oder Kopfschlagen beobachtet, insbesondere wenn man sie anfassen will. Als Fluchttiere hassen sie es, gefangen zu werden und schreien dabei laut und schrill um ihr Leben. Einmal wöchentlich müssen sie dennoch gefangen werden, um sie beim regelmäßigen Gesundheitscheck zu wiegen und bei Bedarf Krallen und Haare zu kürzen.
Brommseln wird in Gegenwart eines Menschen nur selten angewandt. Manche Meerschweinchen nutzen statt Futterquieken ein Zähneklappern, um mitzuteilen, dass sie Hunger haben – eine eher unhöfliche Aufforderung, endlich etwas zu Futtern zu geben.
Wenn Meerschweinchen beim Streicheln Laute von sich geben, sind das in aller Regel Beschwichtigungslaute, die ausdrücken, dass das Tier große Angst hat. Meerschweinchen, die sich auf dem Schoß wohl fühlen, ziehen eher los und erkunden die Umgebung, bleiben aber nicht ruhig sitzen.
Sollte ein Tier auf dem Schoß urinieren oder gar einschlafen, zeigt es an, dass es mit seinem Leben schon komplett abgeschlossen hat und bereit ist zu sterben – das will sicher niemand seinem Tier antun.
Gebissen werden Menschen normalerweise nicht. Höchstens ein leichtes Knabbern beim Krallenschneiden oder Streicheln kann vorkommen. Nur wenn der Finger mit einem Stück Gurke verwechselt wird oder wenn zwischen kämpfende Meerschweinchen gegriffen wird, kann auch der Halter ernsthaft verletzt werden.




